Leseprobe GRINGO FALLE


Ab Seite 105:

 

Wie bei Don Camillo und Pepone. Der Besuch beim alten Notar


 
Gut ausgeschlafen und gut gelaunt gingen wir am nächsten Morgen, (es war kurz nach Carneval 2006) zu einem Cartório im Dorf. Also zu einem Notar, den auch die Familie gut kennt. Als Friedensrichter hat er die Autorität Ehen zu schließen. Es war ein herzlicher Empfang. Warm, aber trotzdem nie die Oberfläche verlassend. Ich hatte das Gefühl, dass ich diesen Menschen schon lange kennen würde und mit ihm schon häufig das eine oder andere Bier getrunken hätte. Er war nett und nichts schien unmöglich. Immer betonend, dass uns bei ihm der Himmel offen steht würde. Zuerst standen wir rund 10 Minuten vor seinem Schreibtisch, wo wir ihn huldigten und danach gab es in seinem Konferenz-Raum Cariochas (der Lieblingskaffee der Leute aus Rio de Janeiro) für alle. Also Kaffee in kleinen Espresso-Tassen. Der Kaffee sieht auf den ersten Blick aus wie Espresso. Beim näheren Hinsehen ist er aber deutlich dünnflüssiger. Zumindest so lange er nicht vorgesüßt ist.

Gerne nahm ich seinen Cariocha an und setzte an. Und das bereue ich noch heute. Aus zwei Gründen. Zum einen war der Kaffee so heiß, dass ich mir sofort den Mund verbrannte und zum anderen so süß, dass es mir meinen frisch gerösteten Mund auch gleich zuklebte. Es sollte mir eine erste Lehre für mein späteres Leben in Brasilien sein. Kaffee vorher immer genau abchecken. Ich kann mich erinnern, dass in einem anderen Meeting Monate danach ein Anwalt meinen ungesüßten Charioca in einer Espresso-Tasse mit sieben gehäuften Löffeln Zucker „veredelte“. Ich frage mich noch heute, wie es physikalisch möglich war, soviel Zucker in so eine kleine Tasse unterzubringen? Und: Wie sich diese Masse noch trinken ließ. Fast bis zur Neige. Nur für die letzten Reste benötigte er sein Löffelchen. Die Brasilianer sprechen bei ihrem Kaffee auch häufig von meia:meia. Will heißen: Halbe Menge Kaffee, halbe Menge Zucker. Nie Milch. Zumindest nicht beim Cariocha. Der brasilianische Milchkaffee besteht wiederum aus 95% Milch und 5% Kaffee – und wird ebenfalls mit reichlich Zucker versüßt.
 
Zurück zu unserem „Aufwärm-Plausch“, der sich schon der vollen Stunde näherte. Es herrschte eine wohltuend entspannte Atmosphäre. Zumindest so lange, bis der Notar erstmals einen Blick auf unsere Papiere warf. Auf die Papiere, die er schon seit einer knappen Stunde in der Hand hielt, sie aber mehr als Wedel für die schwüle Mittagshitze benutzte. Wenn Blicke sprechen könnten, dann war dies ein Aufschrei. Wolken zogen auf. Er fragte, ob wir im Ernst mit deutschen Dokumenten in Brasilien heiraten wollten? Wie? Welche deutschen Dokumente? Die sind doch offiziell in Deutschland übersetzt beglaubigt, über beglaubigt und dann von der Brasilianischen Botschaft verifiziert worden! Ja, das möge in Deutschland funktionieren. Aber nicht hier ist Brasilien. Und hier zählen nur Übersetzungen von Brasilianern. Vorbei war es mit der jovialen Harmonie. Denn mir ahnte schon, um diese bürokratischen Hindernisse aus den Weg zu räumen, müsste ich auf die Dienste von zwei oder vielleicht sogar drei verschiedenen Cartórios zurückgreifen.
 
 
Das abrupte Ende einer Freundschaft, bevor sie richtig begann


 

Mit dieser Hiobsbotschaft war das so nett begonnene Meeting ziemlich schnell zu Ende. Bei der Rückfahrt in unser Haus meinte meine Braut, dass sie noch nicht die Flinte ins Korn werfen würde. Denn dieser Notar sei zwar erfahren, aber nicht unbedingt immer auf dem letzten Stand der Dinge. Klang nachvollziehbar, wenn man sich sein Cartório anschaute. Seine im wahrsten Sinn des Wortes verstaubte Einrichtung erinnerte so an einem Film von Don Camillo und Pepone. Als hätte man im Fundus von Cinecittá so richtig zugeschlagen. Und das bereits vor Jahren. Denn der Staub auf den Möbeln wirkte echt und antik. Sosehr dass auch die Dokumente Spuren auf dem Konferenztisch hinterließen. Warum komme ich auf Camilo und Pepone? Richtig, das Gebiss des Notars glich dem von Fernandel wie ein Ei dem anderen. Aber im Moment beschäftigte ich mich mit meinem Mund. Ich hatte ein ganz komisches Gefühl in meinem Rachen. Kam das vom Café? Hoffentlich wurde nicht der Staub aus den vergangenen Jahren von dem Inhalt der kochend heißen Tasse in meinen Gaumen eingeschleppt? Ich fragte mich die ganze Zeit, ob die Empregada (also die Haushälterin) die Tassen vorher zumindest abgestaubt hatte, wenn schon nicht gespült? Oder wenigstens mit einem feuchten Tuch abgewischt, bevor sie uns die Köstlichkeit eingegossen hat! Woher kommt plötzlich das pelzige Gefühl in meinem gesamten Rachen? Sind es die Staub-partikeln, die sich bei mir eingebrannt haben? Oder ist es nur die Haut, die sich bei mir im Mund löste, denn der Café war kochend heiß? Ich tröstete mich damit, dass wie auch immer, das Ganze wohl gesundheitlich unbedenklich sei. Denn der Kaffee war so heiß, dass er damit wohl alle Bakterien absterben ließ.

 

Kurz danach bekam ich die Bestätigung. Leider war der Notar in diesem Fall wohl doch auf dem letzten Stand der Dinge. Denn auch die Besuche von zwei anderen Cartórios brachten das gleiche Ergebnis. Und dabei waren die anderen beiden Cartórios weit weniger freundlich. Und auch weniger informiert. Und Kaffee gab es auch nie mehr. Was ich in Anbetracht meiner ersten heißen Affäre mit brasilianischen Kaffee aber gut verschmerzen konnte.


 
Standhaft gegen jede Gleichmacherei. Die hohe Kunst, alles auszusitzen


 
Ob es uns lieb war oder nicht wir mussten nochmals von vorne mit dem Behörden-Marathon. Fast von vorne, denn die nötigen Unterlagen hatten wir ja schon in Deutschland eingesammelt. Der Cartório Nr. 1 in der Innenstadt von Petrópolis sah schon ansatzweise aus, wie ein Notariat. Allerdings wie ein Notariat kurz vor der Wende in Bitterfeld oder Karl Marx Stadt (nur auf dem großen Bild am Eingang war Lula zu sehen und nicht Honecker). Aber drinnen wirkte es sehr brasilianisch. Es ging sehr förmlich zu und man machte uns auch berechtigte Hoffnungen. Der Notar (? oder zuständige Mitarbeiter des Cartórios) sah wohl kein Problem in unseren Unterlagen. Doch letztendlich meinte er aber, um auf Nummer Sicher zu gehen, wolle er unseren Fall nochmals genau analysieren. Also sollten in zwei Tagen nochmals kommen. Dann würde er uns seine Position mitteilen. Was wir auch taten. Und das Ergebnis seiner Analyse zwei Tage später? Leider negativ. Wir bräuchten allerdings Dokumente, die im Bundesstaat Rio de Janeiro übersetzt wurden. Da helfe auch keine Beglaubigung der Brasilianischen Botschaft in Berlin. Der zweite Cartório erinnerte mehr an das Pförtner-Zimmerchen am Ausländeramt in Berlin. Man wurde per Schalter hinter einer Glasscheibe bedient, so „freundlich“, dass man nach spätestens einer Minute auch tatsächlich bedient war. Die Kommunikation mit einem etwas dicklichen Glatzkopf, der hinter der Scheibe saß, war eher schwierig. Besonders für mich, da zu dieser Zeit mein Portugiesisch noch ziemlich schlecht war.
 
Der schlecht gelaunte Frustrierte hinter der Scheibe murmelte etwas in seinen Bart hinein, das selbst meine brasilianische Frau nur kaum verstand. Das lag vor allem daran, dass die Sprechlöcher zwar auf unserer Höhe waren, aber nicht in der des Funktionärs des Cartórios. Ich bat meine Frau, dass sie ihn bitten möge, sich von seinem Stuhl zu erheben, damit man mit ihm auf Augenhöhe sprechen und ihn auch verstehen könne. Worauf sie mich forsch korrigierte, „schau doch genau hin, der sitzt nicht. Der steht. Er ist eben nicht der Größte“. Klein, aber oho. Soweit wir ihn verstanden haben, müssten wir zuerst einmal einen Übersetzer finden, der auch gerichtlich akkreditiert ist. Und dann, dürften wir zu ihm zurückkehren. Danach würde er alles vorbereiten, damit wir zu einem nächsten Cartório zum Nummer 9 gehen (er war nämlich der Büroleiter von Cartório Nummer 12) könnten, da er nur die „pränatalen“ Vorbereitungs-Arbeiten für das Aufgebot machen würde. Nummer 14 würde dann die endgültige Vorbereitung machen. Dann gehen wir doch lieber gleich zu Nummer 14. «Nein, so einfach geht das nicht. Die haben nicht die Autorität, die vorbereitenden Arbeiten zu vollziehen. Das mache nur ich» (...und auch andere, die er wissentlich nicht nannte).

 
 

Auf der „Über-über-Übersetzer-Suche“
 
 
Also machten wir uns in aller Hektik auf, einen – autorisierten - Übersetzer im Bundesstaat Rio de Janeiro zu finden. Das war gar nicht so einfach. In Petrópolis sucht man vergebens danach. Da kann man einen Spanisch- oder Englisch-Übersetzer finden, aber niemanden für Deutsch. Auch wenn Rio rund 10 Millionen Einwohner hat, gibt es in dieser Mega-Metropole nur zwei Handvoll von Deutsch-Übersetzern. Und wenn man diese schnell braucht, reduziert sich das Ganze schnell um 70-80%. Die Gründe dafür sind vielfältig. Entweder kann man sie weder per Telefon oder Email erreichen. Und wenn ja, dann sind sie nicht auf juristische Übersetzungen spezialisiert. Oder sie geben an, für die nächsten 4 Wochen ausgebucht zu sein. Andere gehen gerade in Urlaub oder sind von diesem just zurück gekehrt und müssen sich deshalb erstmals sortieren. Und die, die Zeit haben, haben ihre Dollarzeichen in den Augen und verlangen Preise, über jede Schmerzgrenze hinaus. So reduzierte sich für uns das Rio-Angebot an Deutsch-Übersetzern gleich auf Null. Aber wer sagt, dass für uns nur die Stadt Rio infrage kam? Der Cartório sprach vom Bundestaat Rio. So wurden wir in Barra Tiqucca tatsächlich fündig.
 
Um die Übersetzerin, Frau Adelheid zu sprechen, mussten wir die gut 100 km Autofahrt in Kauf nehmen, um die Unterlagen zu überbringen, da es in Brasilien immer ein Risiko darstellt, Dokumente per Post zu verschicken. Wir riefen Frau Adelheid an. Sie hatte zum Glück auch noch Zeit und ihr Preis war zwar stolz, aber im Vergleich zu den Kollegen in Rio eher ein Schnäppchen. vereinbarten gleich für den nächsten Morgen unseren Anlieferungstermin.
 
Um das Ganze zu beschleunigen, wollte ich Scans dieser Dokumente schon vorab an Adelheid mailen. Ich rief sie nochmals an und fragte sie, welche Email-Adresse ich es wohl schicken sollte? Eine längere Pause folgte am Telefon. Denn mit dem Wort Mailadresse konnte sie nicht richtig viel anfangen. Nein, so was wie Email würde sie (noch) nicht nutzen. Später hatte ich erfahren, dass zwei Provider für sie Email-Adressen eingerichtet hatten, sie aber damit nicht umgehen konnte.
 
Nach einer etwas nervigen Irrfahrt, kamen wir kurz vor Mittag vor Adelheids Hochhaus an. Sie wohnte in einem Bettenburg-Komplex, der bei den Brasilianern als chic gilt. Für mich als Europäer war es eher ein abschreckendes Beispiel. Costa-Brava oder Adria-Feeling. So vom Format qauadratisch, praktisch, gut. Eine riesige Anlage mit mehreren Häusern in 3 Reihen entlang der weißen Sandküste. Ein schöner Strand. Sauber. Vor allem das dunkelblaue Meer machte Appetit nach mehr.
 
Gut, wenn man in der ersten Reihe wohnt und einen unverbaubaren Blick aufs Meer hat. Weniger gut, wenn man sich in der zweiten Reihe befand. In einer Wohnung ohne Meeresblick. Und wo man dazu verdammt ist, in der heißen Mittagssonne in seiner Wohnung vor sich hinzuschmelzen. Wohin auch die angenehme Meeresbrise nicht durchkommt, da man ja immer bestens durch die angrenzenden Nachbars-Betonburgen abgeschirmt wird. Wo jedes offene Fenster ein Ärgernis ist und immer hektisch geschlossen wird, damit es nicht noch heißer wird. Wo Klimaanlagen in jedem Zimmer genauso selbstverständlich sind, wie 
Heizkörper in Deutschland. Und genau in einer solchen Wohnung im 19. Stockwerk wohnte Frau Adelheid, unsere Übersetzerin, wie wir später feststellten.

 

Am Empfang sagte man uns, dass sie im 19. Stock wohne. Wir registrierten uns, bekamen ein Schildchen angeheftet und forderten einen Aufzug an. Es dauerte nicht lange, bis sich die Aufzugs-Tür öffnete und ein dicklicher, kleinwüchsiger und verschwitzter Mann uns fragte, in welche Etage wir wollten. Das war also der Fahrstuhl-Führer, der für uns zuständig war. Ein in Brasilien nahezu obligatorischer „Functionario“, der den Fahrgästen das Leben leichter macht, indem er ihnen die Last des Drückens des richtigen Stockwerks-Knopfs abnimmt. Das Drücken der Nummer 19 also, wie in unserem Fall, wenn man ins 19. Stockwerk muss. Also ein sehr „sinnvoller Service“. Allerdings relativierte sich in unserem Fall das Ganze etwas, da unsere Aufzugs-Gondel außergewöhnlich klein und der kleine Fahrstuhl-Lenker außergewöhnlich dick war. Er beanspruchte damit schon locker 2 der 6 erlaubten Passagierplätze dieser Gondel.

 

 

Zeitreise um 60-80 Jahre zurück

 

 

Wohlbehalten angekommen in Adelheids Stockwerk klingelten wir in der Erwartung, dass sich gleich das Tor des Übersetzer-Büros öffnen würde. Sie lesen richtig, es war fast ein Tor, an dem Adelheids Übersetzer-Schild angebracht war. Eine große, mit Intarsien verzierte Tür und edlen Messing-Beschlägen, die sich deutlich von allen anderen Türen auf dem Flur abhob. Wir mussten viermal klingeln (immer mit einer großzügigen Anstands-Pause dazwischen) bis wir endlich ein Schlüsselgeräusch zu hören war. Kurz danach ging eine Tür daneben auf. Eine dunkelhäutige Frau in einem blauen Plastikkittel und mit rosa Plastikhaube (so ein Küchenhilfen-Symbol) fragte uns freundlich, ob wir zur Doutora (also Frau Doktor) Adelheid wollten. Ja, zur Doutora meinte meine Frau. Wohl wissend, dass es keine wirkliche Doktorin war, sondern die Hausangestellte den Namen ihrer Chefin in einem Akt der Unterwürfigkeit aufhübschen wollte. Mit einem Titel, den diese aber nicht hat. So kann schnell aus einer Herrin einfach eine Frau Doktor werden. Wir gingen durch den Dienstboden-Eingang in den Haushälterinnen-Raum (in Brasilien Standard und dort auch „Sala de Empregada“ genannt), mit großem Waschbecken, Bügelbrett und der Wasch-maschine vorbei in die Küche, wo gerade das Mittagsmahl vorbereitet wurde, hinein in die „heilige Halle“, in das Wohnzimmer. In der Mitte des Raumes stand ein größerer dunkelbrauner mit einer weißen Häkeldecke verzierter Tropenholz-Tisch.

 

Da die Frau „Doutora“ uns dem Protokoll entsprechend 15 Minuten warten ließ, hatten wir Zeit, mit unseren Augen den Raum erkunden. Die Einrichtung passte so gar nicht zu einem modernen Hochhaus am Strand, nicht zu einer Bettenburg. Sie passte schon eher zu einer Fazenda, die die Kulisse für eine Telenovela bildete. Eine Telenovela, die sich zu Zeiten der brasilianischen Diktatur abspielte. Und: Die Möbel passten zur Eingangstür, die uns aber verschlossen blieb. Die Einrichtung war dunkel, die Fenster mit dunklen Vorhängen behangen und selbst der Boden war erdfarben (echter Terrakotta?). Einzige Blickfänge waren die knallig bunten Bilder im Zimmer. Zwei mit dicker Wolle gehäkelte Bilder mit Blumen- und Obstmotiven. Und zwei Ölmalereien (oder Drucke)? Das bekannte Motiv, in dem ein Engel zwei kleine Kinder über einen Wildbach zwischen Felsenfluchen führt. Und ein Motiv mit Schlittschuh-fahrenden Kindern, auf einem holländischen See. Holländisch deshalb, weil im Hintergrund Windmühlen zu sehen waren. So ein Replikat im Brueghel-Stil. Und außerdem: Auch nur Holländer würden so verrückt sein, bei dieser Affenhitze hier, ihre Schlittschuhe auszupacken.

 

 

Austausch von Freundlichkeiten in Adelheids Schwitzkasten

 

 

Und nun endlich ging die Tür aus dem Nebenraum auf. Adelheid erschien. Würdevoll. Im wahrsten Sinn des Wortes. Sie war noch älter, als ich schon am Telefon vermutet hatte. Ich würde sagen, sie war so eine rüstige Mit-Neunzigerin. Sie ignorierte mich völlig und ging schnurgerade auf meine Frau zu. Man merkte ihr an, dass sie in der Lage war, Aufmerksamkeit zu verbreiten. Sie war eine Frau, die durchaus Stil hatte. Ich konnte mir auch vorstellen, dass sie früher wohl so manches Herz gebrochen hat. Sie empfing meine Frau herzlich mit den Worten: „Wie schön. Meine neue Nachbarin besucht mich. Schön, dass wir uns heute etwas besser kennen lernen“. Als meine Frau dies berichtigte und ihr sagte, dass wir aus Petrópolis kämen ihre Dienste benötigen würden, nahm sie das würdevoll zur Kenntnis. Ich zeigte ihr unsere Dokumente. Diese nahm sie nur so beiläufig zur Kenntnis. Auf einmal wurde sie hektisch und sagte: «Mein Gott, ihr habt ja nichts zu trinken. Und rief zur Empregada in die Küche: «Aparecida. Bringe unserer geliebten Nachbarin einen Kaffee. Und auch ihren Bekannten». Meine Frau resignierte und wollte sich der weiteren Diskussion durch Schweigen entziehen. Das war aber von Anfang zum Scheitern verurteilt, denn die Frau Doutora suchte vor allem das Gespräch mit ihr. Und das noch dazu in Deutsch, obwohl meine Frau kein Deutsch sprach. Dafür sprach sie mit mir in Portugiesisch, ich aber befand mich erst im Anfangsstadium dieser Sprache.

 

So entwickelte sich eine anspruchsvolle Konversation, die von allen Beteiligten höchste Aufmerksamkeit erforderte. Nicht leichter machte es das halb defekte Hörgerät von Frau Adelheid, das immer wieder zu surren begann. Die Doutora musste sich immer wieder ausklinken. Sie nahm das Hörgerät aus dem Ohr, klopfte es mehrmals auf den Tisch, um dann zufrieden festzustellen, dass es jetzt aber funktionieren würde. Zumindest für die nächsten 5 Minuten. Bis dann dieselbe Prozedur wieder von vorne begann.

 

Aber unabhängig von diesen technischen Problemen, machte mir das Deutsch der Doutora auch keinen sattelfesten Eindruck. Sie suchte auch immer nach den geeigneten Worten. Das lag mit Sicherheit nicht nur an ihrem Schweizerischen Akzent. Ich vermute einmal, dass sie aus der Schweiz vor vielen Jahrzehnten ausgewandert ist und hier unter der Sonne Brasiliens vieles schon ausgetrocknet ist. Was in ihrem hohen Alter auch menschlich ist. Als ich ihr sagte, dass ich die Übersetzungen ganz schnell bräuchte, wurde sie hellwach. Das sei im Prinzip möglich, würde aber 50% Eilaufschlag bedeuten. Denn sie hätte ja auch noch andere Arbeiten, die dringend seien. Mangels Alternativen akzeptierte ich diesen Preisaufschlag. Wohl wissend, dass mich damit die Übersetzung fünfmal so viel kosteten, wie in Berlin. Und fast das dreifache vom Frankfurter Preis. Kein nettes Gefühl. Zumal sie ja nur als „Über-über-Übersetzerin fungierte. Denn für ihr Werk hatte sie schon zwei perfekte Vorlagen.

 

Aber was soll´s? Ich habe diese Kröte geschluckt. Dafür war aber der Abschied sehr herzlich, vor allem „ihre neue Nachbarin“, also meine Braut hatte sie innig ins Herz geschlossen. Sie wünschte ihr alles Gute und meinte, dass sie ruhig immer klingeln könne, wenn sie mal was brauchen würde. Gerade als ich das Wohnzimmer über den Flur und der diesmal richtigen Tür verlassen wollte, fragte sie mich, ob ich meinen Führerschein schon übersetzen lassen habe. Nein, war meine Antwort. Dann sollte ich gleich wieder zurückkommen. Denn das wäre fahrlässig, wenn ich weiter nur mit meiner deutschen Fahrerlaubnis in Brasilien unterwegs wäre (womit sie Recht hatte, obwohl es 6 Monate offiziell erlaubt ist). Das würde sie auch gleich machen. Darauf könne ich sogar warten. Das koste auch keine Eilgebühr. In der Tat ging dies recht schnell. Trotz der antiquierten elektrischen Schreibmaschine. Und auch trotz des alten, abgenutzten Farbbandes. Auch die Übersetzung der Hochzeits-Dokumente, wegen der wir eigentlich kamen, war nach einer Woche fertig. Inzwischen war es aber auch schon Ende Februar 2006.

 

 

Aller guten Dinge sind drei. Die Übersetzung „made in brazil“

 

 

Nun ging es wieder zurück zum kleinen Mann im Cartório hinter dem Sicherheitsglas. Diesmal erschien er sehr gestresst und wollte die Unterlagen erst gar nicht annehmen. Erst auf den Einwand, dass wir genau das gemacht hätten, was er wollte, erklärte er sich bereit, diese bis zum nächsten Tag am Abend zu „analysieren“. Nolens volens erklärten wir uns dazu bereit. Am nächsten Tag sagte er mir, dass er jetzt seinen Teil machen werde. Ich könne es in drei Tagen abholen. Dann sei auch wieder der Chef im Hause. Denn schließlich sei in diesem Cartório nur der Chef befugt, das Ganze zu unterschreiben. Als ich die Unterlagen dann 3 Tage später abholte, wollte ich diese gleich zum angrenzenden Cartório bringen. Aus mir unerkennbaren Umständen hatte dieses aber geschlossen. Aber keine Panik, es gab ja noch einen anderen Cartório, der ebenfalls berechtigt war, diesen nächsten Schritt zu exekutieren....

 

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